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"Meine Schulzeit nach dem Krieg" Biografieprojekt mit älteren Frauen

Im Rahmen eines biographischen Projektes des Fachbereichs "Offene Altenarbeit" bei der Caritasgeschäftsstelle Ahrweiler entstand die Audio-CD "Mit Schwamm und Schiefertafel in die Vergangenheit". Leiterin des Fachbereiches "Offene Altenarbeit" ist Mechthild Haase.

Interview: Bettina Ellerbrock

Forum Seniorenarbeit:
Können Sie die Inhalte des Projektes/des Vorhabens kurz vorab skizzieren?

Mechthild Haase:
Es handelte sich um eine Veranstaltungsreihe für Frauen mit dem Thema „Meine Schulzeit nach dem Krieg...“, die im Rahmen unseres Fachbereiches Offene Altenarbeit durchgeführt wurde.
Neun Frauen im Alter von 63 bis 73 Jahren trafen sich regelmäßig – insgesamt 15 mal - zur gemeinsamen „Reise in die eigene Vergangenheit“. Die Frauen, die mittlerweile alle im Kreis Ahrweiler leben, haben ihre Schulzeit in Nordrhein-Westfalen, Schleswig Holstein, in Thüringen, in der Pfalz, in Großstädten und Dörfern verbracht. Anhand konkreter Fragestellungen ging es darum, dem Gedächtnis ein wenig „auf die Sprünge zu helfen“, um so die Nachkriegszeit aber auch Erlebnisse während des Krieges wieder lebendig werden zu lassen. Oftmals reichte schon ein Begriff, und sofort tauchten Bilder und längst vergessene Begebenheiten auf. Allein mit der Schiefertafel verbanden sich für jede Frau konkrete Erlebnisse. Das Kreischen des Griffels ebenso wie die Idee einer Mutter - aus der Not heraus geboren - Tafeln aus alten Dachschindeln anzufertigen. Die Treffen waren sehr schnell geprägt von großer Dichte und Offenheit in vertrauensvoller Atmosphäre.

Als ein „Produkt“ dieser Veranstaltungsreihe entstand das Hörbild mit dem Titel „Mit Schwamm und Schiefertafel in die Vergangenheit...“. Der Journalist Eberhard Thomas Müller führte Interviews mit den Frauen durch und bereitete die Originaltöne in seinem Studio dramaturgisch auf. Die CD wurde im Rahmen einer öffentlichen Präsentation vorgestellt. Wir erfuhren insgesamt ein sehr positives Echo: Bisher erschienen in der regionalen sowie überregionalen (Fach-)Presse mehr als 40 Artikel und Rezensionen. Wir verkaufen die CD in zweiter Auflage und freuen uns über die bundesweite Nachfrage. Es sind sowohl ältere und auch jüngere Menschen interessiert, ebenso wie Fachkollegen, Büchereien und Museen. 

Forum Seniorenarbeit:
Wie ist die Idee dazu entstanden? Was ist für Sie das Besondere an Biografiearbeit?

Mechthild Haase:
Angeregt durch die biographische Seniorenkulturarbeit der ZWAR-Zentralstelle (Zwischen Arbeit und Ruhestand) NRW in Dortmund begann ich die Vorbereitung des genannten Biographieprojektes für die Zielgruppe der „jungen Alten“. In Dortmund hatte die ZWAR-Fachberaterin Barbara Thierhoff ein thematisch ähnliches Projekt initiiert verbunden mit einer Ausstellung im dortigen Schulmuseum. Die Konzeption der Veranstaltungsreihe wurde nicht übernommen, sondern in Ahrweiler selbst entwickelt.

Ich sehe Biographiearbeit als wichtiges Instrument persönlicher Standortbestimmung und Bilanzierung des bisherigen Lebens. Es entspricht einem tiefen menschlichen Bedürfnis - besonders im höheren Erwachsenenalter – mit sich und seinem Leben „ins Reine“ zu kommen, den „roten Faden“ im eigenen Leben zu entdecken.

Biographiearbeit stellt für mich einen unverzichtbaren Bestandteil in der Arbeit mit älteren Menschen dar– zum Beispiel im Übergang zwischen Berufszeit und Rentenbeginn zur nachberuflichen Orientierung: Der „Blick in die Vergangenheit“ dient dem „Blick in die Zukunft“. Aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung liegt vor den sogenannten „jungen Alten“ ein durchschnittliches Zeitfenster von mindestens 20 Jahren. So etwas gab es bisher noch nicht – eine große Chance, um vielleicht (endlich) bis dahin nicht Gelebtes, was aber zur eigenen Lebensspur gehört, ernst zu nehmen und zu verwirklichen. Hier kann Biographiearbeit wichtige Impulse geben.

Forum Seniorenarbeit:
Bei diesem Vorhaben waren nur Frauen angesprochen, können Sie etwas über die Prozesse berichten, den die Frauen im Rahmen Ihrer Erinnerungsarbeit persönlich durchlaufen haben?

Mechthild Haase:
Wie schon erwähnt, entstand sehr schnell eine Vertrautheit in der Gruppe. Das Besondere war sicherlich, dass die Frauen (bis auf eine Ausnahme) einer Altersgruppe angehören, sie also eine bestimmte gesellschaftliche Situation – nämlich die Zeit gegen Ende des Krieges und unmittelbar danach  - als Schülerinnen in den ersten Schuljahren erlebt haben. Bestimmte Erinnerungen wurden somit von allen geteilt, aber natürlich gab es viele individuelle Erlebnisse.

In den Gesprächen wurden oftmals Begebenheiten erinnert, an die man jahrzehntelang nicht gedacht hatte. Sehr bemerkenswert fand ich Beiträge wie „ Ich dachte, meine Kindheit sei ausschließlich karg gewesen, und ich habe versucht, das alles wegzuschieben, aber durch die Gespräche hier erinnere ich auch viel Schönes, was ich in der Zeit erlebt habe.“ – Es kam also teilweise zu einer neuen Bewertung der eigenen Lebensgeschichte.

Die Frauen haben sehr offen und spontan berichtet – durchaus auch von emotional sehr belastenden Erlebnissen. Sie waren mit großem persönlichen Engagement bei der Sache.

Forum Seniorenarbeit:
Was wäre Ihrer Einschätzung nach anders verlaufen, wenn auch Männer teilgenommen hätten?

Mechthild Haase:
Nach meiner Erfahrung ist es Frauen viel eher möglich, sich gefühlsmäßig zu öffnen. Männer verhalten sich in dieser Hinsicht deutlich zurückhaltender. Ein zweiter wesentlicher Aspekt scheint mir zu sein, dass Männer häufig eine dominierende Rolle in Gruppen einnehmen, dass ihnen dieser Part sogar manchmal regelrecht zugewiesen wird, indem die anwesenden Frauen stiller werden und / oder mit besonderer Aufmerksamkeit den Beiträgen der Männer zuhören. Hier gehört es natürlich zu den wichtigen Aufgaben der Moderatorin / des Moderators, darauf zu achten, dass sich alle beteiligen können.

Forum Seniorenarbeit:
Was hat Ihnen persönlich an der Arbeit den meisten Spaß bereitet?

Mechthild Haase:
Sehr gefreut hat mich, dass die Frauen mit großem Engagement bei der Sache waren. Übrigens hat kaum jemand einmal bei einem Treffen gefehlt. Weiterhin fand ich die persönliche Offenheit der Teilnehmerinnen sehr berührend ebenso wie die Wirkung der Erzählungen – das Erlebte teilweise neu zu begreifen und für das eigene Leben fruchtbar zu machen. Ich habe diese dichte Atmosphäre selten so durchgehend in Gruppen erlebt.

Forum Seniorenarbeit:
Entstehen aus dieser Arbeit Folgeprojekte?

Mechthild Haase:
Ich beschäftige mich nun seit 2 ½ Jahren intensiv mit dem Ansatz der biographischen Arbeit mit älteren Menschen und finde diese Arbeit nach wie vor sehr spannend. Die genannte CD wurde im Rahmen weiterer Veranstaltungen vorgestellt: zum Beispiel bei Gruppen von Ehrenamtlichen in der Altenarbeit und in Büchereien.

Weiterhin habe ich gemeinsam mit dem Pastoralreferenten Josef Peter die Veranstaltungsreihe „Lehrjahre sind keine Herrenjahre - Ausbildung und Berufszeit in den fünfziger Jahren “ – durchgeführt. Hierzu wurden alle Frauen und Männer der Jahrgänge 1935 bis 1945 aus Altenahr schriftlich eingeladen. Auch hier konnten wir den Journalisten Eberhard Thomas Müller für die Erstellung eines Hörbildes gewinnen. Die CD wird voraussichtlich Ende 2005 fertig gestellt sein.

Vielen Dank für dieses informative Interview!


Die CD kann unter folgender Adresse für 10 € plus Porto bestellt werden:

Caritasgeschäftsstelle Ahrweiler
Bahnhofstr. 5
53474 Bad Neuenahr-Ahrweiler
Tel.: 02641 – 759860
Fax: 02641 - 759874
E-mail: gemeindecaritas@caritas-ahrweiler.de

Kontakt / Visitenkarte

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Autor: Bettina Ellerbrock